Eine Ode an die Hauptstadt – The Berlin Apartment über die Jahrzehnte

Ich sitze gerade in meiner Berliner Altbauwohnung und scrolle durch Steam, da entdecke ich ein Spiel, welches zwangsläufig meine Aufmerksamkeit bekommen muss. Es verspricht eine Reise durch ein ganzes Jahrhundert. Das allein klingt für Geschichtsfans schon spannend, das Besondere ist aber, dass diese Story nur in einer einzigen Wohnung stattfinden soll. Und als wäre das noch nicht genug: Diese ominöse Wohnung befindet sich ausgerechnet in Berlin. The Berlin Apartment lockt mich also mit einer einzigartigen Idee. Am gespanntesten bin ich, wie die historischen Umstände des Jahrhunderts sich auf die Story auswirken. Von Kaiserreich, Weimarer Republik über das Dritte Reich, die DDR und schlussendlich der Bundesrepublik kann alles dabei sein und Einfluss nehmen – Berlin bietet hier wohl einen einzigartigen Standort. Also sehe ich mich ein letztes Mal in meinem Berliner „Apartment“ um, hole mir eine Flasche Wasser und tauche ein in womöglich dieselbe Wohnung Jahre zuvor.

Ich gehe betrete mit meinem Vater Malik einen Altbau. Ich wäre lieber in der Schule. Ich öffne den Briefkasten. Dieser ist so voll, dass mir sofort ein Brief entgegengeflogen kommt. Ich bringe einen schlechten Witz, mein Vater wirkt genervt. Ich bin von dieser Baustelle, die bald eine Wohnung sein soll, merklich nicht begeistert. Es stehen Baustellenlampen herum. An. Aus. An. Aus. An. Mein Vater wird wütend werden. Er versucht sich an der Musikbox, während ich aus dem Fenster schaue. Ich erkenne den Fernsehturm. Ein Testzentrum sehe ich auch. Mein Vater sagt, ich solle ihm beim Abriss der Tapete helfen. Kein Bock. Ich mach’s aber trotzdem. Unter der Tapete finde ich einen Brief. Diesen gebe ich meinem Vater. Da ich noch nicht lesen kann, macht er mit mir einen Deal. Er erzählt mir was drauf steht, dafür lasse ich ihn arbeiten. Klingt fair. Er erzählt so lebhaft, dass ich mich direkt in die Story hineinversetzen kann. Ich fühle, ich bin besagter Kolja in diesem Brief.

Ich möchte gerade meine Blume Fridolin gießen da passiert es: Ich stürze. Das tat weh. Die Gießkanne ist auch ausgelaufen. Mist. Im Fernsehen läuft dasselbe wie immer. Hunderttausende Kanadier saßen aufgrund von minderwertiger kapitalistischer Technik im Dunkeln. In der Deutschen Demokratischen Republik könne so etwas nicht passieren, berichtet der Sprecher weiter. Kopfschüttelnd höre ich weiter zu. Das Wetter soll schlecht werden. Mau. Na dann versuche ich mal wieder aufzustehen. Plumps! Wieder hingefallen. Puh. Aber was ist das? Im Nachbarraum sehe ich irgendwas rumfliegen. Erich muss das Fenster aufgelassen haben. Zweiter Versuch. Diesmal klappt’s. Ein kurzer Blick aus dem Fenster. Der Fernsehturm. Das Theater Adonis. Und der „Antifaschistische Schutzwall“. Alles wie immer.

Ich betrete das Zimmer meines ehemaligen Mitbewohners Mirco. Ehemalig, denn er ist weg. Seine Sachen hat er hiergelassen. Nicht mal das Fenster konnte er schließen. Auf dem Fensterbrett liegt ein Papierflieger. Ein Brief. Ich solle meine Pflanze öfters gießen – sie lässt den Kopf hängen. Außerdem ein Bild, von wem der Brief stammt. Scheinbar aus der Wohnung gegenüber von jenseits der Mauer. Verrückt. Wieso sollte sich jemand eine solche Mühe machen? Auch eine Telefonnummer steht drauf. Mein Genosse Erich weist mich darauf hin, dass es aufgrund der Vorwahl genau genommen eine faschistische Telefonnummer sei. Ich gehe rüber zum Tisch. Erich schwimmt in seinem Glas und schaut mich mit seinen glubschigen Augen an. „Mach jetzt ja keinen Fehler, Kolja“, sagt er mir. An der Wand hängen Mircos Fluchtpläne. Ich überlege, ob ich die Nummer anrufen sollte. Erich redet mir noch einmal ins Gewissen: „Könntn Spione ausm Westen sein“.

Ich gehe zum Flur – dort steht der Fernsprecher. Ich wähle die Nummer. Genosse Erich redet mir ins Gewissen. Egal. Wird schon eh niemand rangehen. Kurzes Klingeln. Fernamt dran. Keine Leitung nach West-Berlin verfügbar. Rufnummer notiert. Mist. Scheiß Sozialismus. Bleibt nur der Versuch eines eigenen Papierfliegers. Ich frage Erich, wie sowas gebaut wird, doch außer nette rote Parolen kann er mir leider nicht weiterhelfen. In Mircos alten Sachen finde ich eine Anleitung. Praktisch. Ich nehme mir ein Blatt Papier, schreibe einen Brief und falte es nach der mir am einfachsten aussehende Anleitung – der Mauersegler. Ich gehe zum Fenster und wage den Wurf. Er fliegt. Und fliegt. Und fliegt. Und perfekt! Genau gegen die Mauer. Naja, egal. Zweiter Versuch. Diesmal schafft er den Flug auf den Balkon. Klasse. Und jetzt? Soweit hatte ich eigentlich nicht geplant. Naja gut. Dann zurück zu meinen Pflanzen. Während ich sie gieße, fliegt ein neuer Papierflieger durch den Raum genau in eine meiner Pflanzen. Guter Wurf. Ich lese ihn. Schön geschrieben. Zeit für einen weiteren Flieger.

Ich frage nach einem gemeinsamen Abendessen. Nur sie, ich und die Mauer. Langsam werde ich besser im Falten. Der „Buntspecht“ ist bereit zum Jungfernflug. Es ist windig, das macht den Wurf schwerer. Aber ich bin ja auch geübter. Ich werfe und er fliegt und fliegt und fliegt und klatsch. Balkonbank. Nicht optimal, aber besser so, als gegen einen Soldatenhelm. Jetzt muss ich meine Vorräte suchen – viel haben wir ja nie dagehabt. Genosse Erich lässt es sich nicht nehmen und bemängelt das Essen, was er von mir regelmäßig bekommt. Also gehe ich rüber in die Küche und öffne den Kühlschrank. Verschimmelter Käse. Vermutlich eher verkäster Schimmel. Vanillepudding. Abgelaufen. Aber erst seit zwei Tagen. Also quasi noch gut. Im Ofen sind Reste von gestern… oder so ähnlich. Als Absacker ´nen Bierchen. Und als Vorspeise Soljanka. Immerhin davon hab ich genug. Zu viel trifft es eher.

Das Essen ist so weit fertig. Ich bin gespannt, welche Absage reingeflattert kam. Ich gehe rüber zum Held der Arbeit Erich und frage, ob er wohl einen Papierflieger gesehen hat. Leicht widerwillig und merklich nicht begeistert von meinem sozialistischen Verhalten bejaht er das. Ich suche in der ganzen Wohnung, aber kann ihn nicht finden. Nach dreimaligem im Kreis laufen beschließe ich zurück in die Küche zu gehen. Und dort liegt er, genau hinter mir, wo ich stand. Verrückt. Ihr Menü sieht auch nicht viel besser aus. Lasagne vom Vortag. Da kann ich ihr doch aushelfen. Ich habe ja genug Pflanzen. Liebstöckel, Estragon oder Thymian? Ich entscheide mich für Liebstöckel. Nächster Flieger. Diesmal ein großer Frachter. Der Zaunkönig. Deutlich schwerer an Gewicht. Erster Versuch. Geschafft! Jedenfalls wenn mein Ziel war, ihrer Nachbarin die Gewürze zukommen zu lassen. Nach etlichen Versuchen hat es funktioniert. Mittlerweile muss der halbe Westen und die gesamte NVA mit Gewürzen versorgt sein.

Ab zurück zur Küche. Erichs Magen grummelt auch schon. Haben Goldfische überhaut einen Magen? Eine Frage für später. Auflauf rein in den Ofen. 160 Grad. Bier in den Tiefkühler. Pudding – dekoriert. Soljanka in den Topp. Herd an. Salz rein. Fertig. Ob schon ein neuer Brief da ist? Er segelt geradewegs durch die Tür (ja, durch die Tür, verrückte Westtechnik), macht kehrt und landet auf Mircos Bett. Nochmal rüber zu Erich. „Oberst meldet, Flieger mit westlicher Propaganda vom Himmel geholt“. Dann zum Brief. Sie bedankt sich. Für mehr Würze soll ich dem Grenzer einen Flieger gegen den Kopf werfen. Könnte mein letzter Wurf werden. Aber sie hat gesagt, sie schaut zu. Also hab ich keine Wahl. Die Elster ist flugbereit. Stabiler Wurf. „First try“ würde man wohl im kapitalistischen Ausland sagen. Auf einmal klingelt es. Hunde bellen. Mein Herz rast. Suchscheinwerfer an. Hatte Erich recht? Schnell runter, verstecken. Es leuchtet durch mein Fenster, aber niemand hat mich gesehen. Nochmal gut gegangen. Jetzt aber fertig machen für’s Essen. Also hin zum Kleiderschrank und anziehen. Jacke an. Neuer Flieger da. Mal sehen was drin steht…

So oder so ähnlich läuft der Anfang von The Berlin Apartment ab. Dabei wird klar, um was es sich in diesem Spiel dreht. Verschiedene Storys, durch die Jahrzehnte, in derselben Wohnung. Dabei handelt es sich um beinahe ein reines Story-Spiel, beinahe wie ein spielbarer Film. Die Mitmach-Aktionen sind simpel, aber dennoch ausreichend vertreten, dass man eigentlich dauerhaft was zu tun hat und nicht einfach nur zuschaut. Ich muss an dieser Stelle anmerken, dass ich mit meinen zarten 23 Jahren natürlich nicht bewerten kann, inwiefern die Ereignisse in diesem Spiel realitätsnah sind. Allerdings kann ich durchaus fühlen und nachempfinden, wie das damalige Leben ausgesehen haben muss. Und aus Gesprächen mit Eltern und Großeltern nimmt man ja auch einiges mit. Insofern ist die Geschichte, die erzählt wird, stimmig und interessant. Dabei werden ernste Themen bzw. gesellschaftliche und politische Gegebenheiten mit eingebaut, ohne dass sie Hauptteil der Story sind. Der Comic-hafte Look ist hübsch und weiterhin ernsthaft genug, um den Bezug zur Realität und Vergangenheit nicht zu verlieren. Denn das sollte man sich beim Spielen dauerhaft ins Gedächtnis rufen: Diese fiktive Story könnte genau so passiert sein.

Durch zahlreiche Details und Anspielungen merkt man: Die Entwickler haben hier mit Liebe gearbeitet. Ich als Berliner habe das Spiel jedenfalls genossen. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass dieses Spiel einen gesellschaftlichen Mehrwert hat. Kinder werden immer mehr mit dem PC und Computerspielen groß, statt mit Büchern. The Berlin Apartment kann hier einspringen und so spielerisch Geschichte vermitteln. Aber auch als Erwachsener nimmt die tiefgründige Story einen mit. Dabei geht sie weit länger als der hier im Test beschriebene Ausschnitt. Und auch, wenn ich sonst mit Story fremdle und mich eher der Strategie widme, hat mich dieses Spiel begeistert.